Alexius Huber von Teddy Brunius
Geboren 1939 zum Designer ausgebildet, kam Alexius Huber in den 60-iger Jahren nach Süd-Schweden und begann seine künstlerische Laufbahn. Mit seinem konsequenten Design in hartem Material lenkte er bald Aufmerksamkeit auf sich. Er wurde ein Künstler des Weltraumalters und hat seinen Platz im schwedischen Kunstleben gefunden. Seine deutsche Verankerung hatte er im klassischen Bauhaus, das keinen Unterschied zwischen Kunsthandwerk, industriellem Design und Künstlerschaft macht. Alexius Huber umspannt diese Breite in seinen künstlerischen Arbeiten. Wer Herman Hesses Zukunftsroman "Das Glasperlenspiel" gelesen hat, kann dies beim Besuch einer Alexius Huber-Ausstellung nachempfinden.
Das Glasperlenspiel - dieses höchste aller Spiele - lässt sich nicht schnell erlernen, sondern erfordert jahrelange Studien der Regeln. "Diese Regeln, die Zeichensprache und Grammatik des Spiels, bilden eine Art von komplizierter Chiffre mit Einschlägen mehrerer Wissenschaften und Künste", schreibt Hesse. Das Glasperlenspiel "ist ein Spiel mit sämtlichen Werten und Einheiten unserer Kultur, mit denen es ungefähr so spielt, wie ein Maler in der Blütezeit der Kunst...". Irgendwie muss ein Kunstwerk älteren Kunstwerken ähneln, um als Kunst wiedererkannt zu werden, aber das Mass der Neuschöpfung im Werk vermischt die Wiedererkennung mit einer neugierigen Spannung, die uns das Neue stets verursacht. So ist es mit Alexius Hubers Werken.
Er arbeitet in neuem Material, dem glänzenden rostfreien Stahl, Aluminium, dem durchsichtigen Plexiglas, dem harten Karton. Ein jedes Material hat seine Syntax und muss mit der Sorgfalt des Kunsthandwerkers und dem Sinn des Designers für formelle Ökonomie behandelt werden. Hieraus ensteht ein lichterfüllt verwandeltes Milieu, das keinen Tiefsinn und keine Kenntnisse desjenigen erfordert, der das Werk erlebt. Die Mühen der Arbeit scheinen in dieser Kunst gänzlich verschwunden zu sein, die mit der Technologie des Weltraumalters zu tun hat.
Alexius Huber ist keineswegs der Erste, der eine solche Kunst formt. Er war dabei, die südschwedischen, progressiven Künstler in der Gruppe "Konkreter Konstruktivismus" zu sammeln. Hiermit hat er die Wurzeln für seine und die Kunst seiner Gleichgesinnten eingefangen. Der Konstruktivismus wurde von den Pionieren in Russland geformt - Tatlin, Rodchenko und El Lissitzky. Sie meinten, dass eine neue Gesellschaftsordnung eine neue Kunst erforderte. Als sie mit ihren neuen Werken in Berlin auftraten, fanden die Bauhaus-Künstler neue Impulse. Vielleicht dunstete der soziale Inhalt, aber die neue Form wurde umso felsselnder. Gabo, Pevsner und Moholy-Nagy zeigten, wozu das neue Material taugte. Die konkrete Kunst erhielt ihre Impulse vom Norden, besonders von Otto G. Carlsund, und ungefähr gleichzeitig, nämlich 1929, schuf Francisca Clausen die ersten Malereien, die bewusst mit Nachbildungseffekten arbeiten. Wenn Alexius Huber seine Werke "Optische Konzepte" nennt, knüpft er an diese grosse Richtung der Kunst an, wo Skandinavier wie der Norweger Hellesen, der Finnländer Nordström, der Däne Mortensen, sowie die Schweden Baertling und Eric H. Olson Pioniere sind. In den 60-iger Jahren wurden die verschiedenen Variationen dieses Typs der Kunst in der schlagwortartigen Stilbezeichnung OP-KUNST einheitlich zusammengefasst.
Alexius Huber ist ein konstruktiver Designer, der Material und Technik wählt, die die Formen der Kunst radikal verändern. Klassische Formideale sind Volumen und Balance. Huber befolgt kein solches Reglement. Für ihn gelten die Ausdrucksformen Licht, Reflex, Schatten, Durchsichtigkeit. Aussenseite und Innenseite wirken in einem reichen System zusammen. Hinzu kommt Beweglichkeit. Das Relief wird mit konvexen und konkaven Elementen aufgebaut. Die Aufstellung variiert Schwere mit Gewichtslosigkeit und Erdgebundenheit, die mit schwebenden, aufsteigenden und fallenden Effekten kontrastiert werden.
Das Material, mit dem man Alexius Hubers Namen am meisten verknüpft, ist rostfreier Stahl, den er glänzend blankpoliert und mit Schmirgel abschleift und abkratzt. Er kann Reliefe auch punzen (ziselieren). Ein solches Werk erhöht die Lichtwirkung in dem Raum, in dem es angebracht ist. Das im Raum Vorhandene, auch der Betrachter, bekommt seinen Platz durch Spiegelung. Wenn sich der Betrachtende bewegt und vorbeikommt, sich nähert oder entfernt, verändert sich das Werk. Ein reiches Spiel von matt und blank kommt auf einem solchen geschliffenen Stahlmaterial zustande.
Ein anderes Material, mit dem Alexius Huber gut umzugehen weiss, ist Plexiglas. Beim Schneiden des Glases werden die Schnittflächen milchweiss. Diese Flächen kontrastieren zu den hellen Seiten, die auch durchsichtig werden. Die Materie bekommt eine Innenseite, und das Materielle nimmt einen immateriellen Charakter an.
In dem weniger anspruchsvollen Kartonmaterial kann Huber seine expansiven Formkonzepte herstellen. Er nutzt graphische Blinddrucke, die Relievflächen ergeben. Mit Präzision kann er Formen im Kartonmaterial schneiden. In dieser Weise kann sich der Künstler von leicht formbarem Material bis zur denkbar härtesten Form bewegen.
Als Künstler arbeitet Alexius Huber mit minuziöser Präzision, und die fertigen Werke erscheinen in unserem Milieu wie ausgeworfene Energiebündel. Es ist eine soziale Kunst. Das von Alexius Huber Geschaffene kann sich der architektonischen Brutalität unserer Zeit gegenüber behaupten. Eine solche Kunst wird nicht von den grossen Stadtformen erdrückt. Die aus Hubers Atelier kommenden Kunstwerke sind auch nicht unterwürfig, sondern etwas, dass die Spannung in der inneren Architektur der Menschen verstärkt.
Quadrate, Diagonale, Faltungen sind Grundformen, die im Erleben des Betrachters Bewegungen und Gegenantwort erhalten. Das durchdacht gewählte Material, das mit eigenhändig erschaffenen technischen Methoden behandelt worden ist, fungiert sowohl als Malerei als auch Skulptur. Das Weisse, das Glänzende, das Durchsichtige, das Matte, das Schattenbedeckte wird zu einer Malerei artikuliert, der bisher nichts gleichkommt. Angesichts eines Werkes von Huber kann niemand sagen, wo die Grenze zwischen Malerei und Skulptur liegt. Die Formen verlieren ihre materielle Schwere. Durch Schliffe kommen Moiré-Effekte zustande, Vibrationen die sich im Blickfeld bewegen.
Gesetz für das Kunstschaffen wird die technische Ökonomie, Occams Rasierklinge, die alle unnötigen Dekorationen fortschneidet. Die flachen Flächen werden dreidimensionell. Die Kunstwerke sind energieangefüllte Lichtbündel, die das öffentliche Milieu bereichern. Die stillstehende Materie wird als beweglich erlebt. Und somit ist diese raffinierte Formkunst im höchsten Masse eine soziale Kunst, eine Kunst die unser Milieu bereichert und abwechslungsreich werden lässt. Für die Zustandebringung einer Kunst dieses Niveaus ist eine umfassende Forschung in Material, Technologie und Perzeptionspsychologie erforderlich. Und dies bringt also Alexius Huber zustande.
Teddy Brunius, Dr. phil., Professor der Kunstgeschichte der Universität zu Kopenhagen, 1989.